Workshop Waldumbau => klimafitter Wald

Wie können? sollen? müssen? wir unseren (Gr. Walsertaler) Wald umbauen, damit er klimafit vor allem seine Schutzfunktion aufrechterhalten kann? Was braucht es dafür? Diesen zentralen Fragen ging auf Einladung des Gemeindenetzwerkes „Allianz in den Alpen“ zusammen mit der REGIO Großes Walsertal eine sehr engagierte Runde aus allen Interessensgebieten (Forst, Jagd, Behörde, Wissenschaft, Laien, usw.) im biosphärenpark.haus in Sonntag nach. Auf der Basis von wissenschaftlichen und praktischen Erkenntnissen sollten Vorschläge erarbeitet werden.

Den wissenschaftlichen Einstieg gab Dr. Silvio Schüler vom BFW:

  • Trotz z.T. steigender Niederschläge nimmt die Wasserverfügbarkeit vielfach ab – auch im Wald.
  • Höhere Wahrscheinlichkeit von Trockenperioden (auch in Bergregionen), gleichzeitig Zunahme von Starkregenniederschlägen und Überflutungen, Stürme werden stärker, Spätfröste nehmen massiv zu.
  • Altersklassenwälder durchlaufen nach Ablauf ihrer Lebenszeit oder aufgrund von Kalamitäten und der damit verbundenen Freisetzung von CO2 eine Phase des „Zerstörtseins“, die durch rechtzeitig aufkommenden Jungwuchs zeitlich verkürzt werden kann resp. muss, bevor Erosion, usw. zuschlagen können.
  • Erstmals seit Beginn der kontinuierlichen Messungen steigt der Holzvorrat im Wald nicht: mehr Schadholz, alte Bäume, Laubholz und Aufforstungen/junge Bestände. Die demographische Entwicklung (der Bäume, nicht der Menschen!) wird durch den Klimawandel beschleunigt und umgekehrt. Dabei gibt es klar Gewinner- und Verliererbaumarten.
  • Höhere Temperaturen fördern zwar das Baumwachstum (längere Wachstumsperiode, mehr Nährstoffe im Wald, usw.), senken aber die Lebenserwartung => Bäume sterben früher und geben somit CO2 früher wieder ab.
  • 3 „Verteidigungslinien“ als mögliche Ansätze:
    • Durchforstung: früh-stark-selten (v.a. in Bezug auf Schneebruchgefahr und ein gutes H/D Verhältnis)
    • Assisted Migration: anerkannt von der EU-Renaturierungsrichtlinie, Diskussionen mit dem Naturschutz
    • Naturverjüngung: nur mit Pflanzungen wäre der Bedarf nicht abdeckbar, für eine klimafitte Naturverjüngung muss das Wald-/Wild-Verhältnis ausgewogen sein.

Folien von Dr. Silvio Schüler;
Literaturempfehlungen Dr. Silvio Schüler: MNK_D15_2022_kl_mitCover.pdf, Biodiversität im Waldbau

Erfahrungen aus der Praxis kamen von Christian Natter, Förster der Region Nord Vorarlberg, Vize-Bürgermeister und Experte für den klimafitten Wald und Klimaschutzprojekte in der KLAR!-Region Vorderwald-Egg:

Kernaussage 1: „Leute müssen ins Boote resp. in den Wald geholt werden, denn ein guter Plan ist längst nicht alles“, um das Ziel, junge, gut durchmischte, nicht zu vorratsreiche Dauerwälder mit einer guten neuen Generation als „Backup“ zu erreichen.

  • Der Plan in der Tasche muss gut und durchdacht sein!
  • Flexibilität ist wichtig
  • Unterstützer ins Boot holen, Reibungsverluste durch veränderungsunwillige Personen vermeiden
  • Alle Schichten des „Problems“ betrachten <=> reale Bilder mitgeben
  • Expertise einholen, ggfs. Experten dazuholen
  • Überblick entwickeln (z.B. Luftbilder)
  • Unterstützung für Waldeigentümer:innen anbieten (z.B. Servicepakete)
  • Realistische Agenda setzen und verfolgen (Fortschritt kontrollieren, monitoren, messen)
  • Diskussionen vor Ort im Wald führen
  • Nachbarn besuchen – wie machen es andere?
  • Neuland betreten => Selbstverwaltung zuerst verpönt, dann bewährt und dann geschätzt
  • Aktive Kooperation, Service und Schulungen
  • Politik richtig informieren
  • Digitalisierung nutzen (Drohne, Wildkamera, GPS, PlenterApp, QField, …)
  • Innovative Ideen entwickeln, um auch andere Zielgruppen anzusprechen
  • Mit Events Emotionen wecken (z.B. Holzer/Akkordanten-Einladung)
  • Ausprobieren, Demoflächen einrichten (Stichwort Gastbaumarten)
  • Außensicht einholen (Jäger, Säger, usw.)
  • Langen Atem haben, auch mal bissig sein
  • Verlässliche Lifeguards für Bäume aktivieren (neue Jagdmethoden?)
  • Sich über Ergebnisse freuen und Erreichtes feiern

Kernaussage 2: Als wichtigster Schlüssel für die Klimawandelanpassung der Wälder wird die Schalenwildregulierung gesehen (Naturverjüngung, insbes. Weißtanne, Gastbaumarten).

Die anschließende Diskussion mit dem Fokus auf die Schutzfunktion der Gr. Walsertaler Wälder führte zu folgenden Workshop-Ergebnissen:

Strukturierte Wälder wirken u.a. auch der steigenden Verdunstung entgegen (windruhiger, usw.), auch wenn der wissenschaftliche Beweis dafür noch nicht erbracht ist.

Wie schafft man Struktur, wie geht man mit bestehenden Rein- (z.B. Buche, Fichte) oder artenarmen Beständen im Großen Walsertal um:

  • Forstlich:
    Vielfalt schaffen bzw. erhöhen: Nadelholz wegen der Schneelage forcieren, Fokus auf alle heimischen, standortgerechten Baumarten des Bergmischwaldes – Tanne, Fichte, Buche, Bergahorn und Eberesche – richten. Mit Douglasie ergänzen, durch entsprechende Bejagung deren Überleben sicherstellen; ebenfalls entsprechende Bejagung, um Naturverjüngung zu ermöglichen und deren Aufkommen sicherzustellen; Bäume rechtzeitig freistellen; holzen, d.h. aktive Bewirtschaftung, wenn und dass die Verjüngung passt; streuen, streuen, streuen zusätzlicher vielfältiger Baumarten (z.B. Eberesche auf degradierten Standorten), gleichzeitig Wildschutz durch entspr. Bejagung intensivieren; Messgrößen/Kennzahlen für einen wildgerechten Wald und waldgerechtes Wild definieren und monitoren.
  • Umsetzung:
    Zustand erheben (Zustandsbericht Gr. Walsertal ist verfügbar); konkrete Zielsetzung klar herausarbeiten und kritische Masse von Personen und Funktionären als „Kümmerer“/Kerngruppe ins Boot holen; Plan und Priorisierung (mit der heutigen Datenlage gut möglich) fixieren, dabei keine Flächen vernachlässigen (nur priorisieren); best (und worst) practice Beispiele (vor Ort be)suchen; Regelkreis (mit Messgrößen) mit Ausprobieren und Priorisieren installieren, Plan immer wieder realistisch anpassen; in die Breite/Fläche gehen; kreativ sein, ungewöhnliche Formate (z.B. Waldpädagogik, einfache APPs, usw.) nutzen, um weitere Unterstützer zu gewinnen, weitere veränderungswillige Personen ins Boot bringen (steter Tropfen, mit Druck und Interessenskonflikten vorsichtig umgehen, einbeziehen, informieren); Waldzustand (auch als Emotionskarte) immer wieder sichtbar machen, zeigen, dass auf einer Fläche nicht alles Platz haben kann, wie die Zusammenhänge zwischen Waldzustand, Wildbestand, Objekt- und Personensicherheit sind und Mitgestaltungsmöglichkeiten aufzeigen; miteinander reden und zuhören, auch wenn die Ansichten kontrovers sind; dokumentieren.
  • Finanzierung:
    ausprobieren über FWPs und KLAR Region; zur Verfügung stellen und Dazu schauen soll seitens der Eigentümer:innen erst mal großartig und möglichst weitgehend ausreichend sein; Aspekt des Eigentums auch bei Schutzwald (= Arbeit und Kosten) braucht gute Beratung und sichtbar machen des künftigen Ertrages; Idealismus fördern;
  • Problembereiche:
    Nahezu das gesamte Tal ist auf seine intakten und zukunftsfähigen Schutzwälder angewiesen.
    Gastbaumarten sind heute im Gr. Walsertal aufgrund des Wildbestandes kaum erfolgreich einsetzbar.
    Das zumindest regional vorherrschende Bild der Jagd, deren Ausübung und Randerscheinungen behindert zumindest regional die strukturreiche Entwicklung der Wälder im Gr. Walsertal und hat nicht nur unter den entscheidenden und handelnden Personen zu massiv verhärteten Fronten geführt. Die Befürchtung, dass die Kinder und Jugendlichen in diesen Konflikt der unterschiedlichen Interessen hineingezogen werden/worden sind (Stichwort „Brunftführungen“), ist groß.
    Zusammenhänge und Abgrenzungen zwischen den Interessen Privater, verschiedener Interessensgemeinschaften (Hege, Jagd, Forst, usw.), des Landes und den Pflichten der Eigentümer:innen wie der Steuerzahler:innen sind nicht klar.

Abschließend waren sich alle Anwesenden einig, dass insbesondere wegen der praktisch durchgehend notwendigen Schutzleistung der Gr. Walsertaler Wälder akuter Handlungsbedarf besteht. Damit nicht das passiert, was lt. Dr, Schüler keine Seltenheit ist: „Oft passiert erst ein Umdenken, wenn die Katastrophe schon passiert ist.“ Und die ist gerade im Gr. Walsertal noch nicht lange her …

Die „Allianz in den Alpen“ ist ein internationales Gemeindenetzwerk und agiert im konkreten Fall im Auftrag des Amtes für Umwelt, LI., „naturbasierte Lösungen“ (= Lösungen, die der Natur Raum geben, damit sie ihre Funktion, erfüllen kann) zu suchen. Konkret sind damit „naturbasierte Lösungen“ gemeint, mit denen der Waldumbau im Gr. Walsertal in Richtung eines klimafitten Schutz-Waldes gelingen kann.

Die REGIO Großes Walsertal verfolgt als Verein den Zweck, die regionale Entwicklung im Großen Walsertal zu fördern, und will insbesondere die übergemeindliche Zusammenarbeit und die zwischengemeindliche Interessenabstimmung in allen raumplanerischen Belangen fördern und die zukünftige Entwicklung des regionalen Lebensraumes in ökologischer, wirtschaftlicher, kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht entsprechend den Zielsetzungen und Leitbildern des Biosphärenparks Großes Walsertal lenken und mitgestalten.

Text und Fotos: Sylvia Rickmann