Zwei leidenschaftliche Forstprofis – Dr.in Selina Türtscher (ihres Zeichens Forstwirtin und Leiterin der Forstregion Süd) und Mag. Walter Amann (als gelernter Förster und studierter Biologe heute Leiter der Forstbetriebsgemeinschaft Jagdberg) haben eine kleine feine Runde interessierter Frauen im wahrsten Sinne des Wortes und in jeder Beziehung abgeholt: zu einem Waldspaziergang, der unter dem Titel „Gastbaumarten – wie Waldmigranten im Klimawandel nützen“ steht.


Abgeholt zu einem Waldspaziergang
- in einem Walgauer Auwald – der eigentlich Großteils schon lange kein „richtiger“ Auwald mit periodischen Überschwemmungen mehr ist.
- der eine Vielfalt unterschiedlicher Baumarten, unterschiedlicher Pflege-, Bewirtschaftungs- und Wildschutzmaßnahmen sichtbar macht.
- der den Blick öffnet, wie Hochwasserschutz- und Energiegewinnungsmaßnahmen mit zukunftsorientiertem Waldbau und teilweiser Auwald-Renaturierung Hand in Hand gehen können.
- der eine Zukunft unserer Waldentwicklung – auch mit Hilfe von Gastbaumarten – greifbar werden lässt.
„Gastbaumarten“ – was ist das überhaupt? Warum „Waldmigranten“? Und wie können die „im Klimawandel nützen“?
Fragen, die im Laufe des Spazierganges intensiv diskutiert, beleuchtet, mit Erfahrung, Daten, Fakten und realen Waldbeispielen im Kontext mit vielen weiteren waldbaulichen, jagdlichen, gesellschaftlichen und sonstigen Fragen erörtert werden.
Zusammenfassend macht den Beginn das
Stichwort „Klimawandel“:
Klima hat sich immer schon verändert. Aber noch nie so schnell wie heute. Und da kommt der Wald mit all seiner Anpassungsfähigkeit nicht mehr mit. Mitten im Klimawandel, mitten in einer gravierenden Klimaänderung stellt sich die zentrale Frage: „Wohin geht es in und mit unserem Wald wirklich in 50, in 100 Jahren? In den Planungshorizonten, die nun einmal in der Waldbewirtschaftung „normal“ sind. Was wird dann „normal“ sein? Bäume stehen von klein auf dort, wo sie stehen, können nicht fliehen. Wie und womit soll heute bewirtschaftet werden, damit sich unser Wald morgen, im nächsten Jahrhundert und darüber hinaus entwickeln, damit er wachsen und seine Funktionen erfüllen kann? Das führt zum nächsten
Stichwort „Waldgesellschaften“:
Die sich seit der letzten Eiszeit entwickelten natürlichen Waldgesellschaften wie z.B. Fichte-Tanne-Buche mit klassischen Lebensraumcharakteristika geraten heute aus den bisherigen Fugen, wandern höher. Die Waldgrenze steigt mit jedem zusätzlichen °C um +120m. Unsere Berge wachsen aber nicht mit. Dadurch verschieben sich auch Wild-Einstandsgebiete, was die jedenfalls notwendige Naturverjüngung beeinflusst. Als vor 70 Jahren der Trend und die damaligen Erkenntnisse allem voran die Fichte haben boomen lassen, war noch kein Waldsterben der 80-er Jahre, keine Borkenkäferinvasion, geschweige denn der heutige Klimawandel in Sicht. Heute wissen wir, dass es existenziell für den Wald mit seinen bisherigen (wenigen) heimischen Baumarten wird, dass es mehr denn je nicht nur um den Wald als Einkommensquelle, sondern als Garant all seiner Funktionen geht. Der Wald kann das nicht „selber richten“. Urwald würde in seiner Biodiversität verarmen, seine Stabilität und die vom Menschen geforderten Funktionen einbüßen. Es braucht die seit Jahrhunderten praktizierte, heute zwingend auf den Klimawandel auszurichtende naturnahe Waldbewirtschaftung. Die Frage nach einem Wie leitet zum nächsten
Stichwort „Gastbaumarten“:
Die großen Eiszeiten und die West-Ost-Ausrichtung unserer Alpen als „Barriere“ sind schuld an unserer Baumartenarmut gegenüber der Baumartenvielfalt andere Weltgegenden. Wenn unsere (vor der Entdeckung Amerikas) heimischen Baumarten durch den Klimawandel immer mehr unter Druck geraten, brauchen wir zusätzlich „fremdländische“ (Begriff und Aufzählung lt. Forstgesetz), also „Gast“-Baumarten, die nicht nur zu Besuch kommen, sondern bleiben, sich einfügen, migrieren. „Gastbaumarten“ werden nur dann zum Problem, wenn sie – wie der lt. unmittelbar geltender EU-Verordnung entsprechend verbotene Götterbaum – invasiv sind, d.h. wenn sie heimische Baumarten verdrängen. Wenn allerdings Standort und sonstige Rahmenbedingungen ideal sind, bleibt immer ein Restrisiko, auf diesem Standort tatsächlich invasiv werden zu können. Was nicht nur für Gastbaumarten gilt: die heimische Rotbuche neigt vor allem in der Jugendphase stellenweise stark zur Verbuchung. Würde man ihr freien Lauf lassen, wären unserer Wälder wesentlich mehr mit Buche bestockt, die Schutzfunktion des Waldes wäre nicht mehr ausreichend. Trotzdem stellt niemand die Buche in Frage – vorausgesetzt, sie steht in Waldgesellschaften mit anderen Baumarten. Womit wir wieder bei den Gastbaumarten sind, die in einer von drei Waldentwicklungsstrategien (BFW; Buchacher et al 2020 -> Artikel zu finden unter Praxisinfo52.pdf) im Klimawandel eine wichtige Rolle spielen.
Drei (sich ggfs. ergänzende) Strategien für den Wald im Klimawandel:
- „assisted migration“ mittels Einbringung gleicher Baumarten aber aus anderen (trockeneren) Herkünften wie z.B. Fichten aus Polen, kalabrische Weißtanne, usw.
- Waldumwandlung mit an die Veränderungen („neue Waldgesellschaften“) angepassten heimischen Baumarten wie z.B. Traubeneiche in höheren Lagen und Mischbeständen
- Waldergänzung mit zusätzlichen Gastbaumarten, die den Wald durch Artenvielfalt widerstandsfähiger machen und die nicht klimawandeltaugliche Baumarten ersetzen bzw. Waldgesellschaften ergänzen und stabilisieren sollen (Resilienz, Stabilität, …) wie z.B. Schwarznuss und Roteiche.
Konkret stellt sich abschließend aus all dem natürlich die Frage: Was kann jetzt und heute getan werden? Wer oder was hilft bei den Entscheidungen, die das nächste Jahrhundert betreffen?
- Es gibt verschiedene Szenarien, in welchem Ausmaß sich das Klima ändern wird.
- Es gibt wissenschaftlich fundierte Modelle, wie sich Waldgesellschaften dadurch verändern werden.
- Es gibt Orientierungskarten, wie die Waldvegetationskartierung Vorarlbergs, den Waldatlas Österreich mit Waldentwicklungsplan, Baumarten- und -höhenatlas.
- Es gibt mit WinALP21 ein Werkzeug der dynamischen Waldtypisierung, das prognostiziert, wohin sich ein bestimmter Waldstandort abhängig von verschiedenen Klimaszenarien verändern, für welche Waldgesellschaft sich der Standort dann eignen wird. Auf diese Prognosen kann waldbaulich reagiert werden.


Und es gibt im Land Waldaufseher:innen, die bei den waldbaulichen Entscheidungen beraten und helfen.







Um viele Waldbilder und Eindrücke, spannende Informationen und Erkenntnisse reicher findet auch dieser Waldspaziergang mit einem gemütlichen Ausklang seinen Abschluss.




