Ein strahlend schöner warmer Herbsttag in Sibratsgfäll, ein atemberaubender Blick auf Gottesacker und Ifen. Und zwölf Frauen und ein Mann, die trotzdem den Blick primär auf den Boden richten. Denn in diesem sind zwei markante „Löcher“, die näher untersucht, ausgiebig betrachtet werden. Bodenreliefs, wie man sie normalerweise nicht zu sehen bekommt. Und die zeigen, warum dieser Waldspaziergang für Frauen den Titel „Der Boden – das Gedächtnis des Waldes“ trägt. Wobei es bei Miriam Simma MSc MSc (Biologin und ehem. Waldaufseherin) und Dr. Walter Fitz (Bodenexperte) nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um Gegenwart und Zukunft dieses Bodens und damit dieses Waldes geht. Darum, wie man aus dem Boden die Vergangenheit herauslesen kann, um die Gegenwart – also den aktuellen Bewuchs des Waldes – zu verstehen und um vor allem dann daraus zukunftsfähige Maßnahmen abzuleiten.
Der Bogen wird gespannt von der Bodenentwicklung nach der letzten großen Eiszeit vor unvorstellbaren 12.000 Jahren bis zu dem, was aus unserem Wald werden soll, wenn der Klimawandel in dieser Geschwindigkeit weiter geht, wenn die Baumgrenze unaufhaltsam steigt, wenn sich wesentliche Einflussfaktoren auf das Wachstum und die Zusammensetzung des Waldes (Temperatur, Niederschlag und Bodenbeschaffenheit) z.T. gravierend ändern.
Schlüsselfragen wie „was wächst hier aktuell, was wird hier wachsen und womit kann ich arbeiten?“ sind genauso wichtig wie die Frage, wie der Wald aktuell überschirmt ist, d.h. wieviel Licht den Boden erreicht. Wenn das Kronendach weit offen ist, freut sich die Brombeere. Naturverjüngung, die für die Entwicklung des Waldes der Zukunft so wichtig ist, wird von ihr aber be- resp. verhindert. Gleiches gilt bei einem zu hohen Wildbestand im Wald. Wer viele Baumarten in seinem Wald wachsen sehen will (naturverjüngt, notfalls gepflanzt), muss diesen auch „jagdlich bewirtschaften“, sprich den Bestand von Rot-, Reh- und Gamswild so weit regulieren, dass Wald und Wild im Gleichgewicht sind. Denn gerade Weißtanne, Bergahorn und Vogelbeere sind Leckerbissen für diese Wildarten und ein verbissener Jungbaum bleibt in der Entwicklung zurück, fällt u.U. sogar komplett aus.
Aber warum brauchen wir überhaupt unterschiedliche Baumarten? Jede Baumart ist für bestimmte Schädlinge anfällig. Wenn ein entsprechender Schädling auftritt, dann sind bei einer guten Baumartendurchmischung nur die Bäume dieser Art und nicht das ganze Waldstück betroffen. Unterschiedliche Wurzelsysteme, Holzeigenschaften und Wuchsformen wirken sich auf die Stabilität (Windanfälligkeit, Steinschlag, Bodenerosion) des Waldstückes aus. Weißtanne ist im Gegensatz zur Fichte ein Tiefwurzler, hält und stabilisiert den Boden, an ihren Wurzeln kann das Wasser bis weit in die Tiefe in den Boden eindringen. Vogelbeere ist eine bodenverbessernde Baumart: ihre Blätter ergeben hochwertigen, nährstoffreichen Humus, ihre Wurzeln sorgen für eine gute Durchlüftung und Durchlässigkeit des Bodens und mit ihren Wurzelpilzen (Mykorrhiza) fördert besonders sie das Bodenleben. Womit wir wieder beim Thema Boden sind.
Und damit beim ersten großen „Loch“ in diesem Wald:




Im Umfeld wachsende Zeigerpflanzen wie Rippenfarn, Heidelbeere, Hainsimsen zeigen an, was der Versuch mit der nicht schäumenden Salzsäure bestätigt: der Boden, der hier offen liegt, ist sauer, die auf ihm wachsenden Fichten versauern ihn noch zusätzlich. Die Oberfläche ist extrem trocken, weiter unten ist er aber erstaunlich feucht. Die Umsetzung im Ektohumus (die organische Bodenauflage) ist schlecht. Bodentiere und Mikroorganismen setzen zwar die Fichtennadeln in sauren Nadelstreu um, Regenwurm ist bei einem pH-Wert von rd. 4 (mit Fichte bewachsener Sandstein) aber weit und breit keiner zu finden. Auch in der dünnen Endohumus (organische Bestandteile im Boden) -Schicht dieses Loches nicht. Darunter nur noch eisenoxidreiche, sandig-lehmige Braunerde. Dieser Boden beeinflusst mit seinem Bewuchs nachhaltig die Entwicklung des Waldes. Was kann nun forst- und jagdwirtschaftlich getan werden, um hier einen Wald der Zukunft zu erreichen?
- Wald umbauen: Laubholz fördern ó Humusbildung, wirkt der Versauerung entgegen
- Wildeinfluss regulieren, d.h. schießen und die Verjüngung schützen, damit die Baumarten dauerhaft aufkommen und überleben können
Das zweite offenliegende Bodenrelief zeigt ein noch kritischeres Bild:




Die Erde ist orange, teilweise sogar rot und mit einem pH-Wert von ca. 3,5 noch saurer, was die Fichte über ihre Grenzen hinausbringt, die Tanne als Tiefwurzler gerade noch überleben lässt. Was ist passiert? Auf diesem Boden befand sich in der Vergangenheit höchstwahrscheinlich eine Waldweide, der Boden wurde damit verdichtet. Zusätzlich wurde das Laub früherer Laubbäume als Streue gesammelt abgeführt und damit dem Boden über lange Zeit die Basis für den Humusaufbau und wichtige Nährstoffe entzogen. So ist der Standort immer mehr versauert und gleichzeitig verarmt.
Diese Überlegungen sind Anlass, einige ganz wesentliche Aspekte im Waldbau zu besprechen:
- Wenn schon eine Waldweide den Boden verdichtet, um wieviel mehr wird er dann durch das Befahren mit großen Maschinen (Traktoren, Harvester) verdichtet: die Grobporigkeit des Bodens schwindet, was sich massiv auf die Durchlüftung und die Wasserspeicher und -rückhaltefähigkeit des Waldbodens auswirkt. Die Vitalität und Produktivität des Waldstandortes sinken.
- Über 50% des Nährstoffanteils eines Baumes befindet sich in dessen Kronenästen, insbesondere in den Blättern bzw. Nadeln. Jede Vollbaumernte entzieht dem Wald Nährstoffe, die er dringend braucht. Äste sollten daher möglichst im Wald bleiben, zumal sie neben dem Nährstoffaspekt auch wichtige Lebens- und Rückzugsräume für unterschiedlichste Tier- und Pilzarten sind. Fichtenäste versauern übrigens den Boden im Gegensatz zu Fichtennadeln nicht zusätzlich. Sie verhindern durch die Einbringung von Stickstoff und weiteren Nährstoffen, dass der Boden immer mehr versauert.
- Stehendes und liegendes Totholz ist Nährstofflieferant, steigert die Artenvielfalt im Wald (rund ⅓ der Waldarten sind darauf angewiesen) und unterstützt eine natürliche Schädlingsbekämpfung (z.B. Spechte, Ameisenbuntkäfer gegen diverse Borkenkäferarten).
- Ausgewiesene Habitatbäume (einzelne Bäume, die einen besonderen Lebensraum bieten) steigern ebenfalls die biologische Vielfalt im Wald.
Zurück zum Boden grundsätzlich, insbesondere zu den beiden sauren Bodenreliefs:
Bäume leben in Symbiose mit Pilzen. D.h. der Baum liefert den Pilzen über die Feinwurzeln Zucker. Die Pilze bauen Biomasse ab, lösen daraus Nährstoffe und liefern diese dem Baum (und anderen Pflanzen). Durch „seine“ Pilze hat der Baum also einen wesentlich größeren Erschließungsraum für Nährstoffe. Zu saure Böden beeinflussen aber diese Symbiose, indem
- giftige Substanzen im Boden gelöst werden und diese die Pilze schädigen, die dem Baum dann weniger Nährstoffe liefern können,
- ein durch Nährstoffmangel geschwächter Baum dem Pilz zu wenig Zucker liefert und ihn damit verkümmern lässt,
- empfindlichere Pilzarten gar nicht überleben und verschwinden,
was dazu führt, dass die Artenvielfalt verringert und das Ökosystem Wald als Ganzes anfälliger wird.
Ein weiterer nicht zu unterschätzender Aspekt ist, dass ein derart saurer Waldboden in seiner Fähigkeit eingeschränkt ist, Schadstoffe (z.B. Blei) zu filtern, Pestizide zu „zerlegen“.
Auch beim zweiten Bodenrelief stellt sich natürlich die Frage, was nun getan werden kann, um hier einen Wald der Zukunft zu erreichen? Die Antwort ist unbefriedigend: sehr wenig, höchstens der Versuch, durch die oben beschriebenen Maßnahmen wie belassen von Astmaterial und Totholz, usw. mit Nährstoffeintrag Säurereduktion und Humusbildung zu erreichen, um die Überlebensbasis für weitere Baumarten zu schaffen.
Als sich der Blick wieder vom Waldboden löst und hebt, liegen Ifen und Gottesacker im Abendlicht. Ein intensiver Nachmittag mit vielen Fragen und Antworten, neuen Eindrücken und Erkenntnissen, aber auch mit viel Lachen und regem Austausch untereinander findet in entspannter Runde seinen Abschluss.





