Impulse am Vorabend der Abschussplanung

24. Februar 2026. Landamannsaal, Egg Großdorf. Knapp 300 Personen. Vertreter:innen der Landwirtschaft, des Forstes, der Jagd, der Hege, der Alpung, der Veterinärmedizin und nicht zuletzt der Landwirtschaftskammer, der Politik, des Waldvereins und der Arbeitsgruppe TBC.

Ein hochspannender Vortrag zu der uns leider allen mittlerweile vertrauten TBC-Problematik, der tiefe Einblicke in die Rinder-, die Rotwild- aber auch in die menschliche TBC gibt. Der Verstehen ermöglicht und Verständnis weckt. Für die unterschiedlichen Betroffenheiten, für das absolut nicht neue und nicht nur auf Vorarlberg beschränkte Dilemma, in dem wir alle stecken. Der zeigt, dass es kein Schwarz/Weiß, keine Schuldigen und Unschuldigen, kein Patentrezept und vor allem keine absolute Lösung gibt.

Eine Diskussion, die zeigt, wie intensiv dem Vortrag zugehört worden ist. Eine Diskussion, in der Meinungen, Erfahrungen, Impulse aller betroffenen Interessensgruppen ausgesprochen werden können, sehr genau gehört und ernsthaft diskutiert werden. Z.T. sehr nüchtern, z.T. sehr emotional: hitzig, traurig, wütend, verständnislos, leise und trotzdem immer von allen anderen gehört.

Und ein weiterer Vortrag der aufzeigt, dass es nicht nur um die Rinder und die Zukunft unserer Land- und Alpwirtschaft geht, sondern dass der Wald massiv betroffen ist vom Ungleichgewicht des aktuellen Wildbestandes und dem Vorhandensein von ausreichenden, den Arten entsprechenden Lebensräumen. Dass das im Stillen passiert, dass damit die für uns so wichtigen Funktionen des Waldes, allen voran unserer Schutzwälder und somit letztendlich wir alle massiv betroffen sind.

Die wesentlichen Impulse des Abends:

  • TBC ist heute noch auch beim Menschen, wenn auch nicht hier bei uns, so doch weltweit ein ganz großer Infektionskiller.
  • Jährliche Rinder-TBC-Testungen sind in Risikogebieten unumgänglich. Ebenso das Verständnis und die Kooperation der betroffenen Landwirte für und mit den ausführenden Tierärzten – auch wenn beides verständlicherweise schwer fällt.
  • Rotwildkot im Futter der Rinder bildet den Hauptansteckungsherd vom Rotwild zum Rind. Das Bakterium kann bei günstigen Bedingungen (keine direkte Sonne, kein völliges Austrocknen) bis zu 2 Jahre überleben und somit wirksam bleiben. Die Übertragung von Rind zu Rind erfolgt dann über Husten/Tröpfcheninfektion. Letztlich verschärft die besonders im Bregenzerwald übliche 3-Stufen-Landwirtschaft (=Talbetrieb, Vorsäß und Hochalpe) das Problem noch zusätzlich.
  • Die Massierung von Rotwild (z.B. an Fütterungen) begünstigt die Verbreitung der Rotwild-TBC auch bei grundsätzlich geringer Prävalenz (= Rate der zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einem bestimmten Zeitabschnitt an einer bestimmten Krankheit erkrankten Individuen) allein durch die gegenseitige Nähe der Tiere zueinander und hauptsächlich durch die Speichelrückstände in der „gemeinsamen“ Fütterung. TBC-Infektionsherde sind beim Rotwild v.a. die Lymphknoten und somit bei offener TBC Speichel und Kot. Selbst bei einer Prävalenz beim Rotwild von 2-3 (7-8 gilt schon als hohe Durchseuchung) ist bei der Alpung die Ansteckungsgefahr beim Rind als „hoch“ einzustufen.
  • Es gibt kein Patentrezept für eine dauerhafte Ausrottung der Rotwild- und Rinder-TBC in Vorarlberg, Tirol und Bayern.
  • Abschussgatter müssen – wie die Keulung eines ganzen Betriebes – ausschließlich als letztes Mittel (weil ein TBC-Hotspot kann nicht saniert werden kann) gesehen und wenn irgend möglich durch Präventiv-Maßnahmen vermieden werden: grundsätzlich zumindest eine der Realität entsprechende Rotwildzählung und konsequente Reduktion auf eine dem Lebensraum entsprechende Population sowie konsequente Testungen und Entnahme infizierter Tiere beim Rind, bevor die TBC offen ausbricht. Dilemma dabei: ein Rind kann auch bei Nicht-Nachweis durch die Testung infiziert sein, Rotwild kann nicht getestet werden, ein Stichprobenplan funktioniert erfahrungsgemäß nicht und für den Jäger ist es nicht möglich, eine Infektion „von außen“ zu erkennen. Schuldzuweisungen – egal in welche Richtung – bringen somit definitiv nichts.
  • Ein trotzdem wirkungsvoller Ansatz ist die Auflassung vor allem der „Mast“-Fütterungen: die durch Fütterungen weit höhere jährliche Überlebensrate beim Rotwild muss durch die verstärkte Reduktion durch die Jagd ausgeglichen werden – was von der Jagd kaum leistbar ist, wenn man schon (30-)40% des Bestandes schießen müsste, um einen dauerhaft gleichbleibenden Bestand zu erreichen und weitaus mehr für die Reduktion auf einen gesunden Frühsommerbestand vom 4-5 auf 100 ha (für eine ausreichende Naturverjüngung des Waldes müsste der Bestand bei max. 2 auf 100 ha liegen).
  • Die Kooperationsbereitschaft der Jägerschaft ist in jeder Beziehung essentiell. Verweigerung verstärkt das Problem massiv. In solchen Fällen sind einerseits die Sanktionsmöglichkeiten des (Vorarlberger) Jagdgesetzes auszuschöpfen, andererseits die Grundeigentümer diejenigen, die über deren Jagdvergabe eingreifen und steuern können.
  • Im Grunde sind es nicht die Wildzählungen und Abschusszahlenvergleiche (wie sehr die nicht stimmen können, belegt WR 1.5a: 208 Stück Rotwild wurde gezählt, 230 Stück wurden geschossen, es sind immer noch ausreichend vorhanden) – der Waldzustand ist der offensichtliche Gradmesser! Artenvielfalt, eine breite Höhen- und Altersstruktur, gesichert durch vitale Naturverjüngung charakterisiert gesunden Wald, ermöglicht gute Zuwachsraten und gewährleistet einen funktionsfähigen Nutz- und vor allem Schutzwald. Aufgrund der aktuell erfüllten Abschusszahlen des Landes Vorarlberg (Abschusszahl des Rehwildes liegt weit über der des Rotwildes, Gamswild wurde sogar um das eineinhalbfache überschossen!) kann auf einen Bestand von 6 – 7 Stück allein Rotwild pro 100 ha geschlossen werden. Ein gesunder Wald verträgt 1 – 2 Stück pro 100 ha, bei optimalen Bedingungen hält er auch 3 – 4 Stück pro 100 ha aus. Die Diskrepanz zu den offensichtlich vorhandenen Beständen ist mehr als deutlich. Logischer Schluss: eine Bestandsreduktion ist unumgänglich. Nicht nur beim Rot-, auch beim Reh- und Gamswild. Das zu erfüllen ist für die Jägerschaft alles andere als einfach.
  • Die „unsichtbare“ Gefahr für den Wald liegt in einer hohen Jagdpacht, die den Wertverlust des Waldes für den Eigentümer womöglich mehr als komprimiert. Wo der Waldzustand nicht gut ist, muss aber jagdlich verstärkt und ausgerichtet auf einen anderen Fokus reagiert werden. Insbesondere dann, wenn – wie in WR 1.5b – die Vergleichsflächen im Waldzustandsbericht orange und rot ausgewiesen werden müssen. Denn: der Wald braucht den Menschen nicht, der Mensch aber sehr wohl den Wald!
  • Neben dem wirtschaftlichen Schaden dürfen die Emotionen nicht vergessen werden. Die Keulung eines Hofbestandes, der Totalabschuss einer lokalen Rotwildpopulation ist ein immenser Verlust, der diejenigen, die die Tiere aufgezogen, gehegt und gepflegt haben in jeder Beziehung trifft. Um den Wald weint vorerst niemand. Erst wenn er seine Funktion nicht mehr erfüllen kann und dadurch Menschen zu Schaden kommen, finanzielle Belastungen „schmerzhaft“ werden, erst dann erntet der Wald die Emotionen, die ihm von Anfang an zustehen würden.

Fazit: Die Angelegenheit ist in jeder Beziehung ernst. Veränderung kommt nicht „von oben“. Es liegt an uns – wir alle sind in der Verantwortung, dass der Wald gesichert aufkommt. Wir alle sind in der Pflicht, wenn des darum geht, wohin soll es gehen soll, wenn Auswege gesucht, gefunden und umgesetzt werden müssen: Jagd- und Alpgenossenschaften, Eigenjagden, Hegegemeinschaften ebenso wie jeder einzelne Landwirt, Jäger, Grundeigentümer. Denn nur gemeinsam kann die Situation bezüglich der TBC, bezüglich des Waldzustandes verbessert werden.

Ein großer Dank gebührt

  • Dr. Johannes Fritz, der als ehemaliger Amtstierarzt des Bezirks Reutte (Tirol) veterinärmedizinische Fakten und Zusammenhänge verständlich gemacht hat. Und der sehr offen über den Umgang mit der Rinder- und der Rotwild-TBC in den letzten über 25 Jahren im Tiroler Grenzgebiet zu Vorarlberg gesprochen hat.
  • Dr. Hannes Kohler, Tierarzt im Bregenzerwald, der die Idee zu diesem Abend hatte und ihn in Kooperation mit der Arbeitsgruppe TBC auf die Beine gestellt hat.
  • Klaus Schwarz, der als Obmann des Vorarlberger Waldvereins deutlich gemacht hat, wie betroffen der Wald ist, wie wenig öffentlichkeitswirksam diese Betroffenheit ist und was das für uns alle bedeutet.
  • Allen, die gekommen sind, zugehört und die sich an der Diskussion beteiligt haben.